Praxisbeispiele
aus verschiedenen Branchen
Kunststoffe
unter hochdynamischer Crashbeanspruchung
Dehnratenabhängige Zugversuche zur Beschreibung des Werkstoffverhaltens bei crashartiger Belastung

Problemstellung: Zugversuche bei crashartiger Belastung
Kunststoffe sind auch im Alltag an vielerlei Prozessen beteiligt, bei dem einerseits schlagartige Lasten auftreten und andererseits die Gefährdung von Personen ausgeschlossen werden muss. Hierzu müssen Werkstoffe für ihren jeweiligen Einsatz näher charakterisiert werden und die mechanischen Eigenschaften dienen der Simulation von Belastungsfällen. Ermittelt werden diese in Laborversuchen mittels Hochgeschwindigkeitsprüfmaschine unter Zug-/Druck- oder wahlweise auch Biegelast (Abbildung 1). Hierbei lassen sich Kraft/Weg-Wertepaare oder unter Verwendung von Highspeed Videoanalysesystemen Spannungs/Dehnungs-Daten dehnratenabhängig ermitteln, die anschließend in Simulationen weiterverwendet werden, um das mechanische Verhalten des Werkstoffs unter definierten Randbedingungen vorherzusagen. Typischerweise werden Prüfgeschwindigkeiten zwischen 0,01 m/s und 3,5 m/s gewählt, die im Prüfkörper Dehnraten von 1 1/s bis hin zu 100 1/s simulieren.
Methodik: Bestimmung von Materialdaten
- Spritzgießen von Platten
- Präparation von Crash-Prüfkörpern längs und quer zur Hauptfließrichtung mit Hilfe von CNC-Fräsen
- Prüfung der Zug/Biege-Eigenschaften in Abhängigkeit der Dehnrate
- ggf. Betrachtung der Temperaturabhängigkeit im Bereich von -45 °C bis 100 °C
- Aufbereitung der Materialdaten in Form von Spannungs/Dehnungs-Kurven in ASCII-Format

Ergebnis: Materialdaten für die Crash-Simulation
Anhand der im Hochgeschwindigkeitsversuch ermittelten Spannungs-/Dehnungs-Diagramme können weitere Kennwerte wie Modul und Zugfestigkeit abgeleitet werden. Auch kann anhand der lokalen Dehnungen eine Bruchdehnung abgeleitet werden (siehe Abbildung 2). Weiterhin bietet die Visualisierung über die Hochgeschwindigkeitskamera die Möglichkeit, das Bruchgeschehen detailliert verfolgen zu können. Abbildung 3 zeigt beispielhaft ein Spannungs/Dehnungs-Diagramm eines thermoplastischen Werkstoffs mit hohem Füllstoffanteil bei crashartiger Beanspruchung.

Deutlich zeigt sich hier die Dehnratenabhängigkeit des Werkstoffs, die im Rahmen einer Bauteilsimulation Berücksichtigung finden muss.

Dipl.-Ing. (FH) Christiane Wintgens
Komm. Laborleitung
Mechanische Prüfung
Medienangriff
bei faserverstärkten Pumpengehäusen

Problemstellung: Rissbildung an Pumpengehäusen
Bei der Gehäuseabdeckung (PP-GF) einer Umwälzpumpe kam es bereits nach einer kurzen Betriebszeit von ca. 2 Wochen zu Rissen, die durch daraus resultierende Undichtigkeiten augenscheinlich wurden. Die Pumpe wurde zur Förderung alkalischer Medien in der chemischen Industrie eingesetzt (KOH bis zu 5% und Wasser bei 85°C). Bei der Pumpe handelte es sich um ein etabliertes Produkt, das bereits in anderen Bereichen erfolgreich eingesetzt wurde. Die bisherige Einsatzbelastung beschränkte sich jedoch auf die Heißwasserförderung, ohne weitere Chemikalienzusätze. Mit Hilfe geeigneter Untersuchungen sollten mögliche Ursachen für die Rissbildung erarbeitet werden.
Methodik: Mikroskopische Untersuchungen
- Makroskopische und mikroskopische Fehlerbilddokumentation
- Mikroskopische Gefügeanalyse im Bereich von Rissen im Bauteil
- Rasterelektronenmikroskopische (REM) Untersuchung der Bauteiloberfläche und der freigelegten Rissflächen, kombiniert mit der energiedispersiven Röntgenspektroskopie (engl. EDX) zur Identifizierung enthaltener Füll- und Verstärkungsstoffe.
Ergebnis: Unzureichende Verarbeitungsqualität und Medienangriff der Fasern
- Im Bereich des Gewindes der Pumpe wurde eine ausgeprägte Bindenaht sowie zahlreiche Hohlräume gefunden. Die Bindenaht fiel örtlich mit der Rissbildung zusammen und es zeigten sich hier medieninduzierte Materialverfärbungen.
- Die Oberflächenuntersuchung im REM ließ im Schadensbereich keine Glasfasern mehr erkennen. Diese wurden offensichtlich aufgelöst und hinterließen zahlreiche Rinnen im Polymer, in denen zuvor die Fasern eingebettet waren.
-

Bild links: Oberfläche mit aufgelösten Fasern durch Medienangriff; rechts: Oberfläche mit Fasern (Bauteil nur mit Wasser bei 85°C getestet) IKV - Auch auf den freigelegten Rissflächen zeigte sich ein medialer Angriff auf die Glasfasern. Kernmaterialbereiche ohne vorangegangenen Medienkontakt ließen hingegen intakte Glasfasern erkennen. Der mediale Angriff auf die Glasfasern konnte auf das alkalische Medium zurückgeführt werden:
- Ausschlaggebend für den Schaden war somit primär eine unzureichende Anforderungsdefinition der Pumpe bezüglich geeignet förderbarer Medien. Die zahlreichen Hohlräume im Material haben die Medienaufnahme in den Werkstoff zusätzlich begünstigt, ebenso wie die ungenügende Formfüllung an der Bauteiloberfläche.
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Bilder: angegriffene Glasfasern im Elektronenmikroskop IKV 

Christoph Zekorn
Laborleiter Mikroskopie
Ermüdung
Ermittlung mechanischer Belastungsgrenzen

Problemstellung:
Um dynamisch beanspruchte Kunststoffe hinsichtlich ihrer Dauergebrauchseigenschaften zu charakterisieren stehen einerseits nach DIN standardisierte Wöhlerversuche zur Verfügung, die jedoch bis heute nur für metallische Werkstoffe bestimmt sind und für Kunststoffe aufgrund ihrer starken Temperaturabhängigkeit eine hohe Prüfzeit bedeuten. Andererseits bietet das Laststeigerungsverfahren neben einer deutlichen Reduktion von benötigten Prüfkörpern auch eine hohe Zeitersparnis, jedoch ist dieses Verfahren kein standardisiertes. Die beiden Methoden werden im Folgenden anhand eines Beispiels näher vorgestellt.
Ziel dieser Versuche ist es, die dynamische Belastungsgrenze zu ermitteln, bei welcher der Kunststoff unendlich oft belastet werden kann, ohne Versagen zu äußern.
Methodik: Einstufen/Mehrstufen-Dauerschwingversuch

- Charakterisierung eines PA 12 mittels Dauerschwingversuch auf servohydraulisch betriebenen Hydropulsern (Bild 1).
- Im Dauerschwingversuch nach Wöhler (DIN 50100) werden Prüfkörper bei zweckmäßig gestaffelten Lastniveaus belastet (vergleiche Bild 2, Teil 1), die Bruchschwingspielzahlen für jeweils 5 bis 10 Prüfkörper notiert und im Wöhlerdiagramm aufgetragen.
- Im Mehrstufen-Schwingversuch, auch Laststeigerungsverfahren genannt, durchläuft ein Prüfköper nach definierter Lastwechselzahl sukzessive eine Erhöhung der Mittel- und Oberlast, so dass die Belastungsgrenze in Form einer kritischen Spannung/Dehnung im Antwortsignal angezeigt wird, vergleiche Bild 2 Teil 2.

Bild 2: Einstufen und Mehrstufen-Schwingversuche IKV
Ergebnis: Bestimmung kritischer Belastungsgrenzen im Mehrstufen-Schwingversuch
Bild 3 zeigt das Ergebnis eines Laststeigerungsversuchs für das PA 12. Aus dem Diagramm Dehnung/Schwingspielzahl wird mittels Regressionsanalyse die kritische Dehnung und die zugehörige kritische Spannung abgeleitet. Die ermittelten Wertepaare für die fünf untersuchten Prüfkörper zeigt Tabelle 1.

Aus der Regressionsanalyse wird als kritische Belastungsgrenze im Mittel 12 N/mm² ermittelt. Als unterkritisch gilt die Laststufe davor mit 11,5 N/mm². Dies entspricht etwa 24 % der quasistatischen Zugfestigkeit (48 N/mm²). Evaluierungsversuche bei 11,5 N/mm² im Dauerschwingversuch zeigten bis zu 10 Mio. Lastwechsel kein frühzeitiges Probenversagen.

Abhängig vom Werkstoff kann somit eine Belastungsgrenze in kürzerer Prüfzeit mittels Laststeigerungsverfahren zuverlässig ermittelt werden.

Dipl.-Ing. (FH) Christiane Wintgens
Komm. Laborleitung
Mechanische Prüfung
Untersuchung
von LED-Platinen

Problemstellung: Ablösungen an LED-Platinen
LED-Platinen, die bei Frontscheinwerfern von Automobilen Verwendung finden, wurden am IKV im Rahmen eines Forschungsprojekts über ein LSR-Spritzgießverfahren mit einer Silikonoptik versehen. Trotz konstanter Prozessparameter traten an bestimmten Platinenchargen Ablösungen der Silikonkomponente im Bereich des LED-Chips auf, wodurch die gewünschte Lichtstreuung nicht mehr gegeben war. Zusätzlich wurden teilweise trübe Schlieren in der Silikonoptik beobachtet. Geeignete Untersuchungen sollten zur Ursachenermittlung der Ablösungen beitragen.
Methodik: Mikroskopische Untersuchungen
- Makroskopische und mikroskopische Fehlerbilddokumentation
- Laserkonfokalmikroskopische Untersuchung auffälliger Bereiche
- Feldemissionsrasterelektronenmikroskopische (engl. FESEM) Untersuchung von Querschliffen durch den Schadensbereich betroffener Linsen in Kombination mit der energiedispersiven Röntgenspektroskopie (engl. EDX)
Ergebnis: Verunreinigungen und chargenabhängige Werkstoffschwankungen der LED-Platinen
Im Bereich der Ablösungen wurden an freigelegten Bauteilen sowohl auf der Silikonoptik als auch auf den Platinen Fremdpartikel detektiert. In unmittelbarer Nähe der LED-Chips konnte eine fluidartige Kontamination beobachtet werden. Trübe Schlieren in der Silikonoptik haben aufgrund des Verlaufs ihren Ursprung offensichtlich an der LED-Platine. Lichtmikroskopische Untersuchungen an weiteren LED-Platinen zeigten Verschmutzungen an Neuteilen in Folge eines ungenügenden Transportschutzes.

Die Schlierenbildung findet wahrscheinlich während des Spritzgießvorgangs statt und ist vermutlich auf eine Wechselwirkung zwischen Silikonmasse und Einbettmasse der LED-Chips zurückzuführen
Die EDX-Untersuchung belegte die Verwendung unterschiedlicher Werkstoffe im Bereich der LED-Chips. Die Ablösungen konnten einer Charge zugeschrieben werden, bei der Komponenten aus alternativen Werkstoffen eingesetzt wurden. Bei der unauffälligen Charge wurden unter anderem Germanium und Silizium verwendet, die Charge mit auftretenden Ablösungen wies Silizium und Magnesium auf.
Mithilfe dieser Untersuchungen konnten die Fehlerursachen unmittelbar abgestellt werden.

Christoph Zekorn
Laborleiter Mikroskopie
